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E. Tschernokoshewa

INTERKULTURELLER DIALOG: KONZEPTE UND PRAKTISCHE SCHRITTE*

Der Interkulturelle Dialog zeigt eine Perspektive, wie Kultur und Identität in Europa im 21. Jahrhundert gelebt und organisiert werden können. Die Ergebnisse der Studie belegen, dass noch viele Anstrengungen nötig sind, um dieser Vision Rechnung zu tragen. So haben wir als Motto für die Studie die Äußerung des ägyptischen Sängers, Autors und Schauspielers Mohamed Mounir, genommen:

„The more we share, the more we have!“

„Je mehr wir teilen, desto mehr haben wir! “

Ключевые слова:

die Integration, der interkultureller Dialog, die Kommunikation, die Kultur, die kulturelle Vielfalt, die Migration, die Nation, der Staat

Jahr des Interkulturellen Dialogs

Das Jahr 2008 ist von der Europäischen Kommission als Jahr des Interkulturellen Dialogs ausgerufen. Es ist eine umfassende Initiative, um die Vision von einem dialogischen Zusammenleben zu unterstützen. Denn es lässt sich nicht leugnen, dass es bei dem Umgang mit kulturellen Differenzen in Europa zwei Grundtendenzen gibt: Einerseits häufen sich Fälle von Diskriminierung, Rassismus und Populismus. So zeigen die Ergebnisse der Eurobarometer-Umfrage „Diskriminierung in der EU“ vom Januar 2007, dass „sichtbare“ Unterschiede und Verhaltensweisen bestimmter Gruppen von Menschen eine zentrale Rolle in diskriminierendem Denken spielen, aber auch andere „Andersheiten“ oft auf Unverständnis stoßen. Andererseits lässt eine weitere Eurobarometer-Blitzumfrage speziell zum Thema Interkulturellen Dialog vom November 2007 erwarten, dass

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offenbar eine Mehrheit der EU-Bürger Vielfalt und Interkulturellen Dialog als Bereicherung des kulturellen Lebens ihrer Länder ansieht. Doch zugleich wurde festgestellt, dass es wenig Klarheit darüber gibt, was genau unter Inter kulturellen Dialog verstanden wird.

So wurde von der Europäischen Kommission die Aufgabe für eine Erforschung des Zustandes und der Perspektiven des Interkulturellen Dialogs in der EU formuliert. Von Januar 2007 bis März 2008 arbeitete ein Team des Europäischen Instituts für vergleichende Kulturforschung, Bonn (ERICarts) mit 10 Experten, zwei Sonderberatern und 34 nationalen Korrespondent/innen in einem europaweiten Forschungsnetz zusammen. In der umfangreichen Forschungsarbeit wurden folgende Fragen untersucht: Welche Konzepte vom Interkulturellen Dialog gibt es? Welche Akteure oder Institutionen spielen bei seiner Förderung eine Rolle? Kann man bereits von rechtlichen oder politischen Rahmenbedingungen für ein Interkulturelles Dialog sprechen? Nach welchen wichtigen Zielen oder Prinzipien wird eine Politik des interkulturellen Dialogs entwickelt? Gibt es Kriterien für die Überprüfung von Programmen, Maßnahmen und Projekten?

Diese Fragen wurden für die Bereiche Kunst und Kultur, Bildung und Sport untersucht. Die Forschungsergebnisse wurden mehrmals diskutiert und in Manuskriptform unter dem Titel: „Kulturelle Vielfalt gemeinsam leben. Nationale Konzepte zum ,Interkulturelle Dialog‘ in Europa“ zusammengefasst. Die gesammelten Informationen und Analysen sollen bei der Entwicklung von Strategien und Programmen in der Europäischen Kommission behilflich sein.

Definition

Die Studie hat folgende Definition ausgearbeitet:

Interkultureller Dialog ist ein ergebnisoffener, von gegenseitigem Respekt getragener Prozess des interaktiven Austausches zwischen Individuen, Gruppen und Organisationen mit unterschiedlichen kulturellen Wurzeln oder Weltanschauungen. Zu seinen Zielen gehört es, ein tieferes Verständnis unterschiedlicher Perspektiven und Verhaltensweisen zu entwickeln, die Beteiligung am gesellschaftlichen Leben zu intensivieren, Möglichkeiten und Fähigkeiten zur eigenen Urteilsbildung zu verbessern, Chancengleichheit zu fördern und schöpferische Prozesse anzuregen.

Wenn wir den Sinn und Zweck des interkulturellen Dialogs verstehen wollen, ist es notwendig, grundsätzlich über das Wesen des Dialogs nachzudenken. Denn in der Praxis oder auch in der Politik wird oft von Dialog gesprochen, auch dann, wenn es keinen Dialog gibt. Zum Wesen eines jeden Dialogs gehören nach kommunikationstheoretischen Gesichtspunkten mindestens folgende grundlegende Bedingungen:

1) das Vorhandensein von zwei oder mehreren Seiten, d. h. von einen gewissen Maß an Differenz;

2) der wechselseitige Fluss der Informationen, so dass beide Seiten gleichberechtigt zu Wort kommen;

3) die Bereitschaft die Information bzw. die Perspektive der anderen Seite zu verstehen;

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4) die Findung einer gemeinsamen Sprache (nicht nur verbale) bzw. auch anderer Gemeinsamkeiten;

5) der Versuch sich Selbst in den Augen des Anderen zu sehen.

Ohne diese grundlegenden Charakteristika ist kein Dialog möglich. Dann handelt es sich um andere Formen der Kommunikation. Die können unterschiedlich sein,

z. B. Dominanz, Unterwerfung, Assimilation, Vernichtung. Auf kulturellem Gebiet sind diese anderen, nichtdialogischen Formen des Umgangs mit Differenz auch bekannt. Wir können sie so nennen:

- Homogenisierung

- Kampf der Kulturen

Kulturpolitische Überlegungen

Hier einige grundsätzliche Überlegungen zum Interkulturellen Dialog, so wie dies aktuell diskutiert wird:

1. Begriffe wie Interkultureller Dialog, kulturelle Vielfalt oder soziale Kohäsion sind seit einiger Zeit vorn auf den politischen Programmen in Europa zu finden. Unter den Gründen sind zunächst die Migrationsschübe der letzten Jahrzehnte besonders relevant, die den Bevölkerungszuschnitt einiger Länder deutlich „bunter“ werden ließen, außerdem: die EU-Erweiterung; die Globalisierung; geopolitische Trends; neue Kommunikationsmedien und, damit einhergehend, eine Erweiterung der Medieninhalte; Kontroversen und Debatten über unsere Wertesysteme etc. Diese Entwicklungen machen es zwingend, unsere Konzepte von Kultur neu zu definieren.

2. Der Interkulturelle Dialog ist nicht nur als internationaler Dialog, d. h. Austausch zwischen Staaten und Nationen zu verstehen, sondern als umfassendes Konzept, was auch die Differenzen im Inneren eines Staates oder eine Nation umschließt.

3. Der Interkulturelle Dialog fokussiert auf die Beziehung mit den sogenannten „alten“ Minderheiten, d. h. ansässige oder politisch anerkannte Gruppen, wie auch mit den „neuen“ Minderheiten, die im Zuge der aktuellen Migration entstehen. In der Bundesrepublik Deutschland sprechen wir von „alten“ Minderheiten (Sorben, Sinti/Roma, Friesen, Dänen), dann gibt es die jüdische Kultur und die diversen neuen Minderheiten (Einwanderer aus der Türkei, Ost-Europa etc.).

4. Minderheiten können - mit ihrer Erfahrung von „doppelten Lebens“ - als treibende Kraft des Interkulturellen Dialogs angesehen werden. Zugleich dürfen exklusions- bzw. fundamentalistische Ideen und Praktiken, die auch auf der Seite von Minderheiten zu finden sind, nicht verschwiegen werden. Die Existenz von solchen Ideen und Praktiken bringt jeden Dialog zum Scheitern.

5. Die Strategie der Integration, wie wir sie in der EU kennen, zielt oft auf eine Minimierung und Unsichtbarmachung von Differenz und Diversität. Die Strategie des Interkulturellen Dialogs zielt auf Anerkennung von Andersheit und die ausdrückliche Einbeziehung der Anderen in der Gemeinschaft.

Eine Gesellschaft, die durch den Interkulturellen Dialog gezeichnet ist - das ist eine neue Vision für Europa. So hat der jamaikanisch-britische Kulturforscher

Stuart Hall das im Jahre 2000 formuliert: “If people from ethnic minorities are to become not only citizens with equal rights but also an integral part of the national culture, then the meanings of the term ,British‘ will need to be more inclusive of their experiences, values and aspirations.”

Die Konzeption von Interkulturellem Dialog kann neue Chancen für die Sichtbarmachung und Entwicklung der sorbischen Kultur in Deutschland und Europa eröffnen. Sicherlich ist auf„deutscher Seite“ viel Nachholbedarfhinsichtlich der Anerkennung von kultureller Differenz im Inneren: sei es aufnational-staatlichen Ebene, sei es auf kommunaler Ebene, sei es bei den einzelnen Institutionen. Vieles soll überdacht und neu gestaltet werden, nicht nur in der Lausitz, sondern auch in Berlin, denn die Sorben sind eine bundesrepublikanische Angelegenheit. Wenn die Institutionen und Projekte aus der Sicht des interkulturellen Dialogs evaluiert werden, stellen sich solche Fragen: Was für Kenntnisse über Sorben und sorbische Kultur werden z. B. an den deutschsprachigen Schulen vermittelt? In welchen Museen gibt es etwas über die Geschichte und Gegenwart der Sorben? In welchen Projekten und Institutionen sind Sorben bzw. sorbische Intentionen, Sehnsüchte u und Befindlichkeiten präsent?

Aber auch auf „sorbischer Seite“ ist vieles neu zu überlegen und neu zu gestalten, wenn es wirklich zur einem Dialog kommen soll. Wir können uns z. B. fragen, wo sind die Orte und die Veranstaltungen, wo beide Kulturen (und vielleicht auch noch andere Kulturen) sich so treffen, dass es zu einem Austausch der Perspektiven kommt? Sicherlich ist es gut, manchmal „unter sich zu sein“. Aber wie sollen uns die Anderen kennen und verstehen lernen, wenn wir nicht in einen Dialog treten? Und wie können wir uns selbst kennen und verstehen lernen, wenn wir uns nicht in den Augen der Anderen sehen?

Ich kann mir vorstellen, dass das Jahr des Interkulturellen Dialogs die Sensibilität für kulturelle Differenzen in Deutschland erhöhen wird. Aber die sorbische Seite muss aktiver und zielgerichteter ihre Präsenz in den neuen politischen Programmen, Trends und Visionen ausbauen.

Vier praktische Schritte

Die Analyse in der EU hat gezeigt, dass in den zurückliegenden Jahren sich unser Wissen über kulturell-dialogische Prozesse und auch deren Verständnis ständig erweitert haben. Nun geht es darum, die damit einhergehenden Veränderungen auch durch einen gründlichen Paradigmenwechsel in der Politik und in der Forschung nachzuvollziehen. Dabei könnte auf einer Zukunftsvision aufgebaut werden, in der sich Konzepte wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Teilhabe mit solchen zur kulturellen Vielfalt verbinden und gegenseitig befruchten. Diese Vision ruft nach Strategien, die über eine Förderung von einzelnen guten Projekten hinausreichen. Hier sind die Verantwortlichen auf europäischer, nationaler und lokaler Ebene und die zahlreiche Interkulturellen Dialog-Akteure der Zivilgesellschaft gefragt. Die Studie hat einen vierstufigen Ansatz formuliert:

Wege aufzeigen (Mapping roads): Ausgrenzungen oder diskriminierende Praktiken müssen erkannt werden.

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Was die sorbisch-deutsche Beziehung betrifft, gibt es bis jetzt wenig Faktensammlung und Analysen über Ausgrenzungen und diskriminierende Praktiken. Oft ist es für die Minderheit selbst sehr schmerzlich, über erfahrenes Leid zu berichten. Dennoch ist es dringend notwendig das zu machen. Dabei geht es sowohl um die Registrierung von markanten Vorfälle, wie auch um eine breite Analyse der Beziehungsgeschichten - in der Vergangenheit und besonders auch in der Gegenwart.

Mauern einreißen (Breaking down walls): Hindernisse für eine gleichberechtigte Teilhabe müssen abgebaut werden, ebenso Vorurteile, Rassismus und Stereotypen. Benötigt werden Anreize oder Regelungen zur Verstärkung der öffentlichen Präsenz von Menschen, Werken und Ideen der Minderheiten z.B. in Politik, Wirtschaft, Bildung und Kultur. Es geht darum, deren Einflussmöglichkeiten zu erweitern.

Für die sorbisch-deutsche Beziehung sollten z. B. Fragen von negativen Einstellungen und Vorurteilen studiert werden und dies auf beiden Seiten. Zudem gibt es Differenzen auch innerhalb der sorbischen wie der deutschen Kultur und dies soll beachtet werden. Weiter geht es darum, die Administration so umzukrempeln, um Diskriminierungen zu vermeiden und „Buntheit“ zu fördern.

Brücken bauen (Building bridges): Interkulturelle Techniken und Qualifikationen sollten z. b. durch Programme und Aktivitäten in der Bildung, den Künsten und den Medien weiterentwickelt werden. Damit können Werkzeuge geschaffen werden, die den Einzelnen befähigen, sich mit der ganzen Person erfolgreich in Interkulturelle Dialog-Prozesse einzubinden.

Für die Sorbisch-Deutsche Beziehung ist dies ein neues Feld: es muss ein komplexes Instrumentarium gezielt eingesetzt werden, um Empathie zu üben, die eigene und fremde Kultur besser kennen zu lernen und in Beziehung zu setzen, d. h. die Unterschiede zwischen den Kulturen, aber auch die Gemeinsamkeiten sichtbar zu machen. Dafür sind interkulturelle Techniken und Qualifikationen auf allen Ebenen - bis hin in die Verwaltung - zu erlangen.

Räume gemeinsam erfahren (Sharing spaces): Wichtig sind gemeinsam genutzte Räume oder „Plattformen“, in denen man sich über Ideen, Erfahrungen und Glaubensüberzeugungen respektvoll austauschen und interaktive Kommunikation sich frei entfalten kann. Bei Konflikten könnten sich die Beteiligten z. B. darauf verständigen, die jeweils andere Meinung zu respektieren. Dies könnte zu einem tieferen Verständnis unterschiedlicher Ansichten und Verhaltensweisen führen, ebenso zu neuen kreativen Prozessen und Ausdrucksformen.

Dabei ist der „gemeinsam erlebte Raum“ (shared space) sicherlich nicht nur als physischer Raum gedacht, die dialogischen Prozesse können zum Beispiel in den Medien oder in einer virtuellen Umgebung stattfinden.

Was den dialogischen, gemeinsamen erlebten Raum - von Sorben und Deutschen und Anderen - betrifft, ist hier noch viel zu tun. Hybridität ist ein wichtiger Stichpunkt dafür. Oder - Bikulturalität, multiple Identität, Zweisprachigkeit. Wichtig ist, Leute mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund zusammenzuführen und etwas gemeinsam zu machen. Es gibt einige wenige sorbische Projekte und Institutionen, die dies gezielt und nachhaltig praktizieren. Die Vision ist eine Politik der Gleichheit und Differenz oder der Differenz und Gleichheit.